1. Potenzial für mehr Wildnis

In ehemals militärisch genutzten Gebieten kann Wildnisentwicklung eine Chance für Naturschutz und Gesellschaft sein, auch im Sinne einer nachhaltigen Regionalentwicklung. Foto: © Dirk Synatzschke

1. Potenzial für mehr Wildnis

Wildnis ist grundsätzlich in allen Typen der Naturlandschaft möglich: Wälder, Hochgebirge, Küsten, Flüsse und Auen, Seen sowie Moore und Kombinationen aus ihnen. Entscheidend ist, dass Qualitätsstandards wie Mindestgröße, ein geringes Maß an Zerschneidungen und Störungsarmut eingehalten werden. 

Bund, Länder und Wissenschaft haben in den Jahren 2014 bis 2018 gemeinsame Qualitätskriterien für das 2 %-Wildnisziel der Nationalen Strategie zur Biologischen Vielfalt entwickelt.[1] Zentrale Eckpunkte sind demnach eine Mindestgröße von 1.000 Hektar (bzw. 500 Hektar für Flüsse und Auen, Küsten, Seen und Moore) und ein dauerhafter rechtlicher Schutz. Um eine möglichst hohe Störungsarmut sicherzustellen, wurden zudem Schwellenwerte für Zerschneidungen entwickelt sowie Pufferbereiche zu menschlicher Infrastruktur definiert.[2] Auf Basis dieser Bund-Länder-Qualitätskriterien sind Stand 2024 0,62 Prozent der Landesfläche Deutschlands als ausreichend große und weitgehend unzerschnittene, nutzungsfreie Gebiete ausgewiesen.

Bereits im Jahr 2015 hatte ein Forschungsvorhaben aufgezeigt, dass Deutschland das Potenzial besitzt, mehr als zwei Prozent einer Landesfläche als großflächige Wildnis auszuweisen[3]. Allerdings blieben bei der Analyse die Eigentumsverhältnisse unberücksichtigt. Die zwischenzeitlich für viele Bundesländer erstellten Potenzialstudien zeigen jedoch auf, dass das 2 %-Wildnisziel auf Basis der Bund-Länder-Qualitätskriterien auch ausschließlich auf Flächen der öffentlichen Hand (Bundes-, Landes- und Kommunaleigentum) umgesetzt werden kann. Selbst im dicht besiedelten Nordrhein-Westfalen wäre dies möglich – den politischen Willen vorausgesetzt.[4]

Allerdings hat sich bisher kaum ein Bundesland formal zum 2 %-Wildnisziel bekannt. In den Regierungsprogrammen der Länder wird stattdessen oft auf das themenverwandte NWE5-Ziel Bezug genommen (forstlicher Nutzungsverzicht auf fünf Prozent der Waldfläche). Da es sich hierbei meist um sehr kleine Flächen handelt (Anrechnung ab 0,3 Hektar), lassen sich diese oft nicht in der Wildnisbilanz anrechnen. Weil aber gerade im waldreichen Deutschland das größte Potenzial für (weitere) Wildnisgebiete in den Wäldern liegt, ist es wichtig, vor allem große Waldflächen der Wildnis zu widmen: Denn diese lassen sich sowohl auf das 2 %-Wildnisziel, als auch auf das NWE5-Ziel anrechnen.

Mit den Förderprogrammen Wildnisfonds und KlimaWildnis gibt es zwei Förderprogramme der Bundesregierung für mehr Wildnis in Deutschland. Wichtig ist die finanzielle Verstetigung dieser Programme.

Besondere Potenziale für großflächige Wildnisgebiete bieten ehemalige (durch Munition belastete) Militärflächen sowie (schwer zu rekultivierende) Bergbaufolgelandschaften. Statt einer kostenaufwändigen Sanierung ist hier die Ausweisung als Wildnisgebiet oft auch der ökonomisch bessere Weg. Mit dem Nationalen Naturerbe wurden bereits erste Schritte umgesetzt: Seit dem Jahr 2005 verzichtet die Bundesregierung auf die Privatisierung naturschutzfachlich bedeutsamer Flächen im Bundeseigentum (darunter auch viele ehemalige Militärflächen) und sichert diese dauerhaft für den Naturschutz. Zwei Drittel der Naturerbeflächen sind Wälder, die in der Regel entweder unmittelbar oder nach einer Übergangsphase der Wildnis gewidmet werden.

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