Wir für Wildnis – Wildnis für uns
Auf in die Wildnis! Das klingt nach Abenteuer und nach Unbekanntem. Jede und Jeder kennt den Begriff, Begriffsdeutungen gibt es viele. Wildnis ist ein kulturell geprägter Begriff und beschreibt doch vor allem den Raum ohne menschliche Kultivierung, in dem natürliche Prozesse dauerhaft ergebnisoffen und ohne menschliche Steuerung ablaufen können – wo also Natur einfach Natur sein darf.
Die lebendigen tropischen Regenwälder, die eisigen Weiten der Antarktis und die flirrenden afrikanischen Savannen sind Landschaften, die uns einfallen, wenn wir an Wildnis denken. Aber auch in Deutschland gibt es Wildnis – erlebbar zum Beispiel in unseren Nationalparks. Bei uns mehr Wildnis zuzulassen, beweist Weitsicht und zeugt von Achtsamkeit gegenüber allen Mitmenschen und Lebewesen. Denn: Wildnis bietet Raum zur Entfaltung der biologischen Vielfalt in all ihren Facetten und damit verbundenen Prozessen. Wildnis ist einer unserer großen Ökosystemdienstleister – sei es im Hochwasser- oder Klimaschutz. Und Wildnis ist gleichzeitig Arche und Lernort im Klimawandel.
Die Herausforderungen zum Schutz der biologischen Vielfalt in Zeiten von Klimawandel und Überschreitung mehrerer planetarer Grenzen sind immens und die damit einhergehende Handlungsaufforderung dringlich. Zum Erhalt unserer biologischen Vielfalt bedarf es der Anwendung verschiedener naturschutzfachlicher Konzepte – Prozessschutz ist eines davon. Großflächig angewendeter Prozessschutz bewirkt, dass sich Landschaften dynamisch und selbstständig wie bei keinem anderen Konzept entwickeln und ist damit unverzichtbar.
Wildnisgebiete sind ausreichend große, (weitgehend) unzerschnittene, nutzungsfreie Gebiete, die dazu dienen, einen vom Menschen ungesteuerten Ablauf natürlicher Prozesse dauerhaft zu gewährleisten.[8]
Der Anteil vorhandener Wildnisgebiete an der Landesfläche Deutschlands ist mit 0,62 Prozent[1] im weltweiten und auch im europäischen Vergleich bisher sehr gering[2]. Mehr Wildnis in Deutschland zu ermöglichen, erhöht die Glaubwürdigkeit Deutschlands im weltweiten Naturschutz. Durch die Etablierung zusätzlicher Wildnisgebiete kann Deutschland seiner Verantwortung für die Umsetzung des Übereinkommens über die Biologische Vielfalt (Convention on Biological Diversity)[3] und den Zielen der EU-Biodiversitätsstrategie für 2030[4] gerecht werden. Die Erhaltung und Wiederherstellung der biologischen Vielfalt Mitteleuropas bedarf großer, zusammenhängender und unzerschnittener Flächen, auf denen eine ungesteuerte Entwicklung natürlicher Prozesse stattfinden kann. Wildnisgebiete können diesen Zweck erfüllen[5].
Je wilder die Natur, desto besser gefällt sie den Deutschen. Das belegen wiederholt die repräsentativen Umfragen der nationalen Naturbewusstseinsstudie[6]. Die Bundesregierung hat in der fortgeschriebenen Nationalen Strategie zur Biologischen Vielfalt[7] ihr Ziel untermauert, dass sich bis 2030 auf mindestens zwei Prozent der Fläche Deutschlands die Natur in großflächigen Wildnisgebieten entwickelt. Zudem soll bis 2030 der Flächenanteil der Wälder mit natürlicher Waldentwicklung (NWE) mindestens fünf Prozent der Waldfläche Deutschlands bzw. zehn Prozent der Waldfläche im öffentlichen Eigentum betragen. Auch wenn es für Wildnis in Deutschland einen gesellschaftlichen und politischen Konsens gibt, ist für die praktische Umsetzung nach wie vor ein lebendiger Dialog wichtig, um gemeinsam weitere Flächen zu sichern und so die nationalen Wildnisziele erfüllen zu können. Denn ‚Natur Natur sein lassen‘ klingt einfach, ist es aber nicht.
Geschlossener Rückhalt für mehr Wildnis in Deutschland kommt auch von uns, den Naturschutzverbänden und -stiftungen. In der Initiative Wildnis in Deutschland haben sich 22 Organisationen zusammengeschlossen. Gemeinsam engagieren wir uns für mehr Wildnis in Deutschland. Wir setzen uns dafür ein, dass sich die Natur bis spätestens 2030 auf mindestens zwei Prozent der Landesfläche Deutschlands nach ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten entwickeln kann und in Form großflächiger Wildnisgebiete rechtlich gesichert ist, beispielsweise als Nationalpark oder Naturschutzgebiet.
Die Mitglieder der Initiative Wildnis in Deutschland wollen die Wildnis-Debatte in Deutschland vorantreiben und fördern. Auf unserer gemeinsamen Website wildnisindeutschland.de stellen wir Wildnisgebiete und Aktivitäten rund um Wildnis vor. Wir wenden uns an Entscheidungstragende und an die Öffentlichkeit, um auf Möglichkeiten für neue Wildnisgebiete in Deutschland hinzuweisen und ermutigen, mit guten Argumenten für mehr Wildnis einzutreten.
[1] https://wildnisindeutschland.de/wp-content/uploads/2026/02/Wildnisbilanz.pdf
[2] http://dx.doi.org/10.1016/j.cub.2016.08.049
[3] https://www.cbd.int/convention/text
[4] https://www.bundesrat.de/SharedDocs/drucksachen/2020/0201-0300/279-20.html, S.28
[5] https://eur-lex.europa.eu/eli/reg/2024/1991/oj?locale=de
[6] https://doi.org/10.19217/brs251, 135 S.
[7] https://www.bundesumweltministerium.de/publikation/nationale-strategie-zur-biologischen-vielfalt-2030, S 140
[8] Definition für Wildnisgebiete im Sinne der Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt (NBS), siehe https://www.bundesumweltministerium.de/publikation/
nationale-strategie-zur-biologischen-vielfalt-2030

