Wildnis und Natura 2000 bieten
große Potenziale für Synergien.
Mit zunehmender Dauer der ungesteuerten Entwicklung nähert sich die Lebensraumstruktur in solchen Wäldern einem Zustand an, wie er für Naturwälder typisch ist: Das mittlere Baumalter steigt und die Bäume werden im Durchschnitt dicker. Der Anteil an absterbenden und toten Bäumen nimmt zu, wie auch die Anzahl und Dichte an Höhlen, Rissen, Spalten und vielen anderen Strukturen, die für viele baumbewohnende Arten von existenzieller Bedeutung sind. Sich entwickelnde Naturwälder in Wildnisgebieten werden somit – ohne dass das zu einem Entwicklungsziel wird – in vielen Fällen automatisch den Anforderungen des Netzes Natura 2000 gerecht.
Ganz ähnlich gilt das für andere Lebensraumtypen und Arten, die Bestandteil der europäischen Naturlandschaft sind: Auch Seen, Moore, Flusssysteme mit ihren Auen, Küsten- und Meereslebensräume, Fels- und Gebirgsbiotope sowie die typischen Arten dieser Lebensräume profitieren grundsätzlich von der ungesteuerten Entwicklung und nähern sich von ganz allein Zuständen an, wie sie als Ziel der FFH- bzw. EU-Vogelschutzrichtlinie formuliert sind.
Konfliktpotenzial zwischen Wildnis und den Zielen von Natura 2000 gibt es vor allem bei stark pflegebedürftigen oder nutzungsabhängigen Arten und Lebensraumtypen. Dazu zählen zum einen solche, die kein Bestandteil der Naturlandschaft waren, sondern als reine Kulturlandschaften bzw. Kulturfolger dem wirtschaftenden Menschen in die jeweiligen Regionen gefolgt sind. Zum anderen können dazu auch Arten und Habitate zählen, die heute infolge der menschenverursachten Veränderungen kein natürliches Vorkommen mehr bei uns haben und bei denen kaum zu erwarten ist, dass sich entsprechende Lebensräume künftig wieder entwickeln können. Beispiel hierfür sind etwa Arten, die an ausgeprägte Flussdynamik mit aktiven Kliffs auf der einen und nährstoffarmen Neulandbildungen auf der anderen Seite gebunden sind. Eine solche Dynamik wird es insbesondere in großen Flüssen in der Zukunft bei uns allenfalls als Ausnahme geben.
Insbesondere in großräumigen Wildnisgebieten zeigt sich, dass sich Lebensraumveränderungen im Zuge der natürlichen Entwicklung selten zeitgleich und in gleicher Intensität auf der Gesamtfläche vollziehen. Mit zunehmender Dauer der ungesteuerten Dynamik ist vielmehr die Herausbildung mosaikartig miteinander verzahnter Entwicklungsphasen und Lebensraumzustände zu beobachten. Damit verbunden ist die Entstehung einer großen Vielfalt, parallel nebeneinander vorhandener Lebensraumausprägungen, die Habitate für eine ebenso große Fülle daran jeweils angepasster Arten und Artengemeinschaften bieten. Dazu zählen mitunter auch Lebensraumtypen und Arten, die heute als nutzungs- oder pflegeabhängig angesehen werden. Insbesondere Übergangsstadien, z. B. bei der Transformation von Waldflächen hin zu offenen oder halboffenen Phasen, bieten Arten Lebensräume, wie sie heute ersatzweise vor allem in Halbkultursystemen zu finden sind: Streuobstwiesen oder halboffene Weidelandschaften mit den dort vorkommenden Arten sind Beispiele dafür. Auch wenn Mitteleuropa als ursprünglich von Wäldern geprägt gilt, so werden Ereignisse wie zum Beispiel Stürme, Dürren oder Überflutungen zusammen mit dem Einwirken von großen Pflanzenfressern immer wieder auch zu einer Öffnung der Landschaft und zur Herausbildung von Trockenrasen, Heiden und feuchten Grasfluren führen. Diese werden jedoch eher in Form kleinräumiger Mosaike miteinander und mit Waldflächen verzahnt sein, statt mehr oder weniger große, homogene Einheiten zu bilden.
Wildnis ist somit ein wesentliches Umsetzungsinstrument für Natura 2000, mit dem die Schutz- und Erhaltungsziele für eine Vielzahl an Lebensraumtypen und Arten auf sehr effektive Weise erreicht werden können.

