Traumjob Wildnisguide

Im Gespräch mit Georg Messerer

25. März 2026 / Interview geführt von Claudia Weigel

© Klemens Karkow

Du bist in der KlimaWildnisZentrale als Fachreferent für die Beratung zur Wildnisumsetzung zuständig. Neben diesem klassischem Bürojob bist du jedoch auch als Wildnisguide tätig. Was reizt dich daran?

Für mich sind das zwei Seiten derselben Medaille, die sich gegenseitig hervorragend ergänzen: ich sitze im Büro und setze mich im Team dafür ein, dass Wildnis in Deutschland entsteht und gesichert wird. Auf der anderen Seite führe ich Menschen durch die Wildnis und schöpfe dabei neue Kraft, Motivation und Inspiration aus der Natur – das fließt anschließend wieder in meine Arbeit am Schreibtisch ein. Zudem bin ich auch in der Ausbildung von Wildnisguides nach internationalem Standard aktiv. So setze ich mich als Wildnisguide auch für verschiedene Aspekte rund um Wildnis in Europa ein.

Wie setzt du dich als Wildnisguide für die Wildnisentwicklung in Europa ein?

Von qualifizierten Wildnisguides durchgeführte Führungen sind für mich auch Katalysatoren für eine nachhaltige Regionalentwicklung. Außerhalb von Nationalparken ist Wildnis oft in infrastrukturarmen Gegenden. Wildniserfahrungen brauchen jedoch Infrastruktur, wie lokale Verpflegungs-, Übernachtungs- oder Transportmöglichkeiten. Dieser Aspekt der nachhaltigen Regionalentwicklung liegt mir besonders am Herzen. Und natürlich gebe ich bei meiner Arbeit als Wildnisguide den Menschen die Möglichkeit, ihre oft vernachlässigte Verbindung zur Wildnis durch eigene Naturerfahrungen neu zu entdecken. Dabei sehe ich mich als Begleiter eines Prozesses, den ich zwar ermöglichen, aber nicht erzwingen kann.

Konkrete Zielvorstellungen vertragen sich – wie in der Wildnis – auch im Wildniserleben nicht. Somit leben Führungen von der wildnistypischen Ergebnisoffenheit.

Wie gestaltest du diesen Prozess der Wildniserfahrung?

Bei mehrtägigen Führungen ist eine gründliche Vorbereitung in Bezug auf Logistik und Sicherheit wichtig – denn hier sind Überraschungen meist nicht positiv. Ich entwickle also einen Rahmenplan, der jedoch nur als Rückfallebene dient. Konkrete Zielvorstellungen vertragen sich – wie in der Wildnis – auch im Wildniserleben nicht.  Somit leben Führungen von der wildnistypischen Ergebnisoffenheit, die auch für Spannung sorgt. Gleichzeitig fordert diese Offenheit, die aktuelle Situation bewusst wahrzunehmen. Der Begriff Achtsamkeit wird heute zwar inflationär verwendet, trifft es jedoch gut. Für mich ist Achtsamkeit daher ein zentraler Baustein. Kurzgefasst ist es als Guide also meine Aufgabe, die passenden Rahmenbedingungen zu schaffen und sich ergebende Chancen zu nutzen. Die Natur und insbesondere die Wildnis besitzen eine unvergleichliche Fähigkeit, für erinnerungswürdige Momente und transformierende Erfahrungen.

Wie bist du Wildnisguide geworden?

Als halber Südafrikaner hatte ich schon früh Zugang zu einer anderen wilden Landschaft und konnte diese mit der deutschen Natur vergleichen. Die Vielfalt Afrikas hat mich bereits als Kind geprägt. Ich wollte möglichst viel Zeit im afrikanischen Busch verbringen. Deshalb machte ich eine Ausbildung zum Wilderness Guide in Südafrika und Botswana. Diese anspruchsvolle Ausbildung umfasste zahlreiche Bereiche, unter anderem den Umgang mit potenziell gefährlichen Wildtieren, erste Hilfe in der Wildnis, Gruppen anleiten, Ornithologie, Fährtenlesen oder auch den sicheren Umgang mit großkalibrigen Gewehren. Nach meiner Basisausbildung qualifizierte ich mich weiter, unter anderem zum Walking Safari Guide, und sammelte in dieser Zeit viel Erfahrung in der Führung von Gästen zu Fuß in der Wildnis.

Wie ging es dann nach deiner Ausbildung zum Wildnisguide weiter?

Später konnte ich dieses Wissen sowohl in meiner Tätigkeit als Ausbilder für Guides als auch in der Zusammenarbeit mit dem Team von WeWilder einbringen, das sich im Rahmen eines ambitionierten Wisent‑Auswilderungsprojekts in den rumänischen Karpaten für eine ebenso ambitionierte Regionalentwicklung einsetzt. Im Laufe der vergangenen vierzehn Jahre hat sich mein Fokus allmählich von Afrika hin zu Europa und insbesondere Deutschland verlagert. Dennoch haben meine heutigen Führungen nach wie vor ihre Wurzeln im afrikanischen Busch.

Die Natur und insbesondere die Wildnis besitzen eine unvergleichliche Fähigkeit, für erinnerungswürdige Momente und transformierende Erfahrungen.

Welches besondere Erlebnis in der afrikanischen Wildnis wirst du nie vergessen?

Ein besonderes Erlebnis kam, wie so oft, unerwartet. Mein damaliger Kollege Grant und ich hatten einen halben Tag frei von unserer Arbeit in einer Safari‑Lodge im Kruger-Nationalpark. Wir nahmen uns vor ein paar Stunden durch den Busch zu gehen, ehe wir neue Gäste am Nachmittag empfangen sollten. Im trockenen Flussbett studierten wir gerade Spuren im Sand, als plötzlich ein aufdringlicher Vogelruf ertönte: Tjirp! Tjirrrp! Tjirrp!… Eindeutig an uns gerichtet. Auf einem Ast saß ein Weibchen eines Großen Honiganzeigers. Der Ruf war untypisch – normalerweise hört man seinen wohlklingenden „Vik‑torrr!“-Gesang. Uns war der alte Mythos bekannt, dass Honiganzeiger Menschen zu Wildhonig führen, in der Hoffnung, später von den Resten zu profitieren – ob dieser Mythos wirklich stimmt, wussten wir jedoch nicht.

Da wolltet ihr dann sicherlich herausfinden, ob der Mythos rund um den Honiganzeiger tatsächlich war ist, oder?

© Georg Messerer

Richtig. Wir beschlossen, dem Vogel zu folgen. Von Baum zu Baum führte er uns durch die Wildnis, kontinuierlich rufend, bis er über einen schräg gewachsenen Baum flog und landete. Erst da sahen wir die ein- und ausfliegenden Bienen. Doch wir hatten weder die Zeit noch Erfahrung im Bergen von wildem Honig. Grant kletterte trotzdem – bis die Bienen angriffen. Wir mussten aufgeben und gingen zurück. Der Honiganzeiger folgte uns noch ein Stück, rufend, fast vorwurfsvoll.

Es klingt so, als seid ihr selbst auch enttäuscht darüber gewesen. Würdest du gerne noch mal einem Honiganzeiger helfen wollen?

Schwer zu sagen. Der Mythos besagt schließlich auch, dass ein enttäuschter Honiganzeiger einen beim nächsten Mal zu schlafenden Löwen führt. Aber diesen hautnahen Einblick in eine so alte, wie bedeutende Mensch-Wildtier Beziehung werde ich hoffentlich nie vergessen.

Schlafende Löwen gibt es in Deutschland ja nur im Zoo. Wie erlebt man auch in Deutschland ein Naturabenteuer? Was braucht es deiner Meinung nach dazu, um die Wildnis zu erleben?

Ein wenig Zeit! Auch wenn es anfangs den Drang geben mag, Strecke zu machen und „wegzukommen“, kann ich nur empfehlen, sich Zeit zu gönnen und sich einfach hinzusetzen, mindestens 30 Minuten so gemütlich wie möglich. Ein Sitzkissen und ein Fernglas sind dafür sehr hilfreich. Nach einer Weile kehrt eine Ruhe ein, die sich auch auf die Umgebung überträgt. Oft kommt es dann vor, dass Vögel oder andere Tiere deutlich näher herankommen, weil sie sich nicht mehr gestört fühlen. Neben Naturbeobachtungen kann die Wildnis so auch „wirken“: es ist ein Luxus, der ungemein entspannend ist und ein gesundes Gegenwicht zum schnellen Alltag. Ich habe auf diese Weise noch nie eine Minute verschwendet.