© Heinz Sielmann Stiftung
Wildnisart: Kranich
Das Leben eines Kranichs
Insgesamt 12.000 Kranichpaare brüten in Deutschland. Als Brutplatz wählen Kraniche störungsarme Feuchtgebiete wie Moore, Erlenbrüche, Seen und Auwälder. Rund 400.000 Kraniche rasten zudem jedes Jahr in Deutschland. Bei der Brut und Rast halten sich Kraniche gerne in Wildnisgebieten auf. Hier wird die Lebensgeschichte eines Kranichs erzählt.
Meine Geburt und die ersten Tage meines Lebens
Ich schlüpfe nach etwa 30 Tagen Brutzeit aus meinem Ei, es ist Ende April. Mein Körper wiegt kaum 100 Gramm. Meine Eltern haben sich während der Brutzeit beide um mich gekümmert und auch jetzt sind sie für mich da. Sie sind mehr als einen Meter groß und mit ihrer Flügelspannweite von fast zwei Metern wirklich imposant. Auch ich will mal so groß werden. Schon am ersten Tag kann ich laufen, denn Kranichküken müssen früh mithalten. Innerhalb der ersten 48 Stunden beginne ich, selbstständig nach Insekten zu picken. Meine Eltern füttern mich aber auch mit Regenwürmern, Schnecken und kleinen Wirbeltieren, damit ich schnell stark werde. Sie selbst fressen auch Getreide, Hülsenfrüchte, aber auch Kartoffeln oder Wurzeln. Wir Kraniche sind wahre Allesfresser.
Kindheit zwischen Schilf und Wiese
In den nächsten zehn Wochen wachse ich schnell. Meine Federn werden dichter, meine Beine kräftiger, und ich lerne, Gefahren früh zu erkennen. Meine Eltern zeigen mir, wie ich Nahrung finde, wie ich mich im Schilf verberge und wie ich mit meinen Rufen mit den anderen kommuniziere. Jeden Tag übe ich ein wenig, mit den Flügeln zu flattern. Am Anfang kann ich mich nur für ein bis zwei Sekunden vom Boden lösen. Mit elf Wochen hebe ich dann zum ersten Mal ab. Ich gleite kurz über die Wiese. Bald werde ich noch viel weiter fliegen können.
Die erste große Reise
Schon seit Wochen wird es immer kälter. Jetzt, wo die Temperaturen weniger als zehn Grad Celsius betragen, werden meine Eltern unruhig. Wir schließen uns zum Schwarm mit den anderen zusammen. Der Himmel füllt sich mit Rufen, wir steigen auf und fliegen los. Dabei nehmen wir eine Keilformation ein, die weithin gut am Himmel zu erkennen ist. Zudem hört man unsere trompetenartigen Rufe. Wir fliegen oft mehrere hundert Kilometer am Tag und erreichen Höhen von bis zu 2.000 Metern. Ich lerne, wie wichtig der Schwarm ist: Durch unsere Anordnung im V spart mir jeder Flügelschlag der anderen Kraft. Nach Wochen des Reisens erreichen wir unser Wintergebiet im Süden. Meine Eltern führen mich in ihr vertrautes Winterquartier nach Andalusien.
Unterschied Kraniche und andere Zugvögel © NABU
Der Balztanz der Kraniche © Reinhard Voss
Erwachsen werden und einen Partner finden
Mit etwa drei Jahren merke ich, dass ich mich verändert habe. Ich habe Lust, mir eine Partnerin zu suchen. Ganz intuitiv weiß ich, was ich tun muss: tanzen. Ich hüpfe, ich springe, ich schlage mit den Flügeln, wippe mit dem Kopf auf und ab und trompete so gut ich kann.
Nachdem wir ein Paar geworden sind, suchen wir uns erst einen schönen Ort für unser Nest. Erst ein bis zwei Jahre später legt meine Partnerin tatsächlich die ersten zwei Eier in das Nest. Ich helfe ihr beim Brüten und später auch beim Füttern. Wenn uns nichts passiert, werden wir wahrscheinlich ein Leben lang zusammenbleiben und jedes Jahr zusammen brüten. Meist wird nur das stärkste Junge in unserem Nest überleben.
Wanderjahre
In meinem Leben fliege ich jedes Jahr zweimal weite Strecken. Im Oktober und November geht es in den Süden Spaniens. Im Februar und März kehre ich zurück nach Deutschland. Das sind mehr als 2000 bis 3000 Kilometer je Strecke! Dabei kehre ich immer wieder dorthin zurück, wo ich geboren wurde. Doch nicht alle aus unserem Schwarm kommen jedes Jahr zurück. Krankheiten, Raubtiere und schlechtes Wetter fordern ihren Tribut. Doch wir Kraniche sind ausdauernde Vögel. Einige von uns werden über 20 Jahre alt.
Über Wildnisarten
Wildnisarten sind Arten, die im besonderen Maße auf Wildnis- bzw. Prozessschutzgebiete angewiesen sind oder von diesen besonders profitieren. In der Studie Wildnisarten: Bedeutung von Prozessschutz- bzw. Wildnisgebieten für gefährdete Lebensgemeinschaften und Arten sowie für „Verantwortungsarten“ wurde diese untersucht. Ein besonderer Fokus wurde auf Arten gelegt, die durch andere Naturschutzmaßnahmen unzureichend abgedeckt werden. Die Studie unterteilt in drei Kategorien: (A) von Wildnis abhängige Arten (obligate Wildnisarten), durch Wildnis bzw. von wildnistypischen Prozessen geförderte Arten (fakultative Wildnisarten) und (C) sonstige Arten. Kraniche sind laut der Studie eine sogenannte fakultative Wildnisart (B).


© Klemens Karkow