Wildnisart Bechsteinfledermaus
Auf Stubensuche in alten Wäldern
Wir Menschen haben mit der Bechsteinfledermaus etwas gemeinsam: die Wohnungsnot. Während wir auf Wohnungssuche verzweifelt durch Immobilienportale scrollen, zwanzigseitige Bewerbungsunterlagen verschicken und allzeit für Besichtigungstermine mit 60 anderen Mitbewerber*innen bereitstehen, hat die Bechsteinfledermaus ganz ähnliche Sorgen: 50 Unterkünfte brauchen Weibchen durchschnittlich allein im Sommer für ihre Wochenstube. Im Durchschnitt wechselt sie alle 1,4 Tage ihre Unterkunft, in der sie dann dicht gedrängt mit mindestens zehn, in besonderen Fällen aber auch mit bis zu 80 anderen Weibchen zusammen eine Wochenstube teilt. Doch es kommt noch schlimmer: Ihr bevorzugter Wohnraum sind naturnahe und feuchte Laubmischwälder mit hohem Alt- und Totholzanteil – ein seltener Lebensraum in Deutschland.
Unsere Verantwortung für Myotis bechsteinii
In Deutschland gilt Myotis bechsteinii, wie die Bechsteinfledermaus wissenschaftlich genannt wird, daher als stark gefährdet. Sie zählt laut dem Bundesamt für Naturschutz zu den sogenannten Verantwortungsarten. Deutschland trägt für die Bechsteinfledermaus solch eine besondere Verantwortung, da ein hoher Anteil der Weltpopulation in Mitteleuropa und damit auch in Deutschland vorkommt. Intensive Forstwirtschaft, der Verlust von Totholz sowie die Zerschneidung alter Waldbestände sind die Hauptursachen für den Rückgang ihres Lebensraumes.
Wildnis und die Bechsteinfledermaus
Die Bechsteinfledermaus gilt als eine Botschafterin der Wildnis. Dort, wo sie sich wohlfühlt, konnten sich Wälder meist natürlich entwickeln und weisen vielfältige Strukturen, sogenannte Mikrohabitate auf: Specht- und Faulhöhlen, Frostrisse, sich ablösende Borke – all diese Strukturen sind typisch für alte Wälder mit viel Totholz. Dort wo die Bechsteinfledermaus lebt, leben auch viele andere typische Wildnisarten: Hirschkäfer, Spechte und die Nahrung der Bechsteinfledermaus: jede Menge Insekten.
Waldspezialistin, Flugkünstlerin und Lauschmeisterin
Nur sieben bis vierzehn Gramm ist die Bechsteinfledermaus groß bei einer Körperlänge von rund fünf Zentimetern. Ihre Ohren stechen besonders hervor, erreichen sie doch fast die Hälfte der Körperlänge. Auch ihre Flügelspannweite ist im Verhältnis zu ihrer Körpergröße beeindruckend: rund 25 bis 29 Zentimeter ist diese weit. Mit diesen körperlichen Charakteristika ist die Bechsteinfledermaus außergewöhnlich gut an ihren Lebensraum angepasst. Wendig und geschickt kann sie ganz nah an der Vegetation des Waldes entlanggleiten. Durch ihre „Richtmikrofone“ hört sie zudem jedes Krabbelgeräusch. Damit ist sie bei der Nahrungssuche eine echte Waldspezialistin. Sie kann fliegende Insekten fangen, dank ihrer speziellen Fähigkeiten Spinnen, Käfer und Raupen aber auch direkt von Blättern und Ästen absammeln.
Die Zukunft der Bechsteinfledermaus
Doch selbst die beste Jägerin ist auf ein passendes Zuhause angewiesen. Damit die Bechsteinfledermaus in Deutschland langfristig als Art überleben kann, braucht sie wilde Wälder, die ihr ausreichend Quartiere und Nahrung bieten. Naturschutz und Wissenschaft arbeiten unter anderem im Rahmen eines neuen Großschutzsprojektes daran, Waldfledermausarten und ihren Lebensraum besser zu schützen. Denn während wir Menschen selbst Lösungen für unsere Wohnungsnot finden können, ist die Bechsteinfledermaus darauf angewiesen, dass wir ihren Wohnraum nicht weiter bedrohen.
Über Wildnisarten
Wildnisarten sind Arten, die im besonderen Maße auf Wildnis- bzw. Prozessschutzgebiete angewiesen sind oder von diesen profitieren. In der Studie Wildnisarten: Bedeutung von Prozessschutz- bzw. Wildnisgebieten für gefährdete Lebensgemeinschaften und Arten sowie für „Verantwortungsarten“ wurde diese untersucht. Ein besonderer Fokus wurde auf Arten gelegt, die durch andere Naturschutzmaßnahmen unzureichend abgedeckt werden. Die Studie unterteilt in drei Kategorien: (A) von Wildnis abhängige Arten (obligate Wildnisarten), durch Wildnis bzw. von wildnistypischen Prozessen geförderte Arten (fakultative Wildnisarten) und (C) sonstige Arten. Bechsteinfledermäuse sind laut der Studie eine sogenannte fakultative Wildnisart (B).
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