Für wen oder vor wem wird Wildnis gesichert?
Eine kurze Geschichte des Naturschutzkonzepts „Wildnis“
Brodelnde Geysire, farbenprächtige heiße Quellen, Grassteppen und dichte Nadelwälder, Bisons, Grizzlybären und Wölfe, Gebirgszüge, tiefe Canyons und klare Flüsse – dass ist der Yellowstone Nationalpark, der älteste Nationalpark der Welt und Urlaubstraum von Menschen weltweit.
Trapper raus, Touristen rein: Der erste Nationalpark der USA
Der Ursprung des Wildniskonzepts liegt in den USA. 1872 wurde der Yellowstone Nationalpark per Gesetz eingerichtet und das Naturschutzkonzept Wildnis manifestierte sich damit erstmals in der Sicherung einer Fläche. Schon damals im Spannungsfeld der Frage: Für wen oder vor wem wird Wildnis gesichert?
Zwischen Naturschutz und Freizeitpark
Es war die Zeit des wilden Westens: Indigene lebten auf der heutigen Fläche des Nationalparks, europäische Siedler und Siedlerinnen drangen immer weiter in den Westen der heutigen USA vor. Dabei stießen sie bei verschiedenen Expeditionen auf die wunderschöne Landschaft des heutigen Nationalparks. Aufbauend auf der Naturschutzidee Wildnis geformt von Persönlichkeiten wie Henry David Thoreau und John Muir wurde das Gebiet unter Schutz gestellt. Siedler und Siedlerinnen, Trapper und Goldsuchende sollten ferngehalten werden, stattdessen sollte die (vermeintlich)* unberührte Natur für Erholungssuchende als Freizeitpark erhalten werden. Die indigene Bevölkerung wurde zwangsumgesiedelt. Stattdessen kamen immer mehr touristische Gäste, zunächst vor allem für ihr Jagdvergnügen in den Park.
Der US Wilderness Act: Erholung und unkontrollierte Natur
Bis heute ist der Aspekt – dass Wildnisgebiete der Erholung („recreation“) dienen sollten – ein fester und wichtiger Bestandteil des Wilderness Act, der 1964 verfasst wurde und die rechtliche Grundlage für Wildnisgebiete in den USA darstellt. Ein weiteres wichtiges Thema des Wilderness Acts ist der Begriff untrammeled, der häufig als „unbeeinflusst“, „nicht gesteuert“ oder „unkontrolliert“ übersetzt wird. Benutzt wird der Begriff in der Definition von ‚Wildnis‘ im Wilderness Act: Unter Wildnis werden solche Flächen verstanden, die untrammeled vom Menschen sind, das heißt, vom Menschen unbeeinflusst. Der Mensch soll auf solchen Flächen nur ein Gast sein, der nicht bleibt.
Der US Wilderness Act: Das Gefühl von Wildnis
Kurzgefasst ist es ein grundlegendes Ansinnen des US Wilderness Acts, Gebiete vor Menschen für Menschen zu schützen. Die Natur soll vom Menschen ungesteuert und unberührt bleiben, damit dieser im geschützten Wildnisgebiet Wildnis erleben kann. Bemerkenswert ist dabei auch, dass unter Wildniserleben eine bestimmte Art des Erlebens gemeint ist: Wildnisgebiete sollen ermöglichen, ursprüngliche und selbstbestimmte Erfahrungen in der Wildnis zu sammeln: das Gebiet soll arm bzw. frei von Infrastruktur sein, Einsamkeit und Selbstbestimmtheit sollen erlebt werden können.
Das Verständnis von Wildnis in den USA und in Deutschland
Bis heute gilt in den USA, dass ein Gebiet nur dann Wildnisgebiet werden kann, wenn es bereits einen Wildnischarakter aufweist und vorrangig von den Kräften der Natur geprägt wurde. Schaut man hingegen nach Deutschland, dann wird hier ein ganz anderer Ansatz deutlich: Gebiete werden gesichert, damit sie sich zur Wildnis entwickeln können. Ohne Naturschutz und die Sicherung bzw. Ausweisung von Wildnisentwicklungsgebieten gäbe es keine großflächigen Gebiete mit Wildnischarakter in Deutschland. Durch Industrialisierung und dichte Besiedelung gab es in Deutschland bis zur Ausweisung des ersten Nationalparks keine großräumigen wilden Gebiete mehr.
Wildnisentwicklung in Deutschland: Prozessschutz
Daher ist auch das Grundansinnen von Wildnis als Naturschutzkonzept ein anderes als in den USA. Im Mittelpunkt steht das Ziel, wieder auf die Kräfte der Natur zu vertrauen: Natur, Natur sein lassen. Naturschutzfachlich spricht man von Prozessschutz: die Natur wird geschützt, damit natürliche ökologische Prozesse ungesteuert vom Menschen ablaufen können. Prozessschutz ist also ein Weg, um Wildnis entstehen zu lassen oder erhalten zu können.
Naturschutz in Deutschland
Prozessschutz ist in Deutschland ein recht junges Naturschutzkonzept. In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts gab es erste Naturschutzbestrebungen in Deutschland – anfangs vorrangig als Naturdenkmalpflege: Einzelgebilde von Natur wurden unter Schutz gestellt. Naturschutzgebiete gab es nur vereinzelt auf sehr kleiner Fläche.
Vom Konzept zur Realität: Prozessschutz im ersten Nationalpark Deutschlands
Das der Schutz der gesamten natürlichen Dynamik zu einem eigenen etabliertem Naturschutzkonzept in Deutschland wurde, ist erst seit der Gründung des ersten deutschen Nationalparks der Fall: 1970 wurde der Nationalpark Bayerischer Wald gegründet. Bereits 1911 gab es für den Bayerischen Wald erste Ideen für die Etablierung eines Naturparks und für Jagdschonbezirke. 1928 wurde erstmals die Nationalparkidee formuliert. Doch einigen fiel es schwer, ihre Nutzungsinteressen am Gebiet aufzugeben: Ängste wurden geschürt, und es wurde gegen die Nationalparkidee lobbyiert und mobilisiert. Die Idee zur Nationalparkgründung wurde zerredet und zu den Akten gelegt.
Vom Konflikt zur Erfolgsgeschichte: Der Nationalpark Bayerischer Wald

Erst als in den 1960er Jahren landschaftsschädigende Großprojekte zur Wirtschaftsförderung in der strukturschwachen Region Bayerischer Wald diskutiert wurden, brachte Hubert Weinzierl als Alternative die Idee der Nationalparkgründung wieder hervor. Neben dem Schutz der Waldnatur wurde auch die deutliche Belebung des Fremdenverkehrs erwartet. Nach intensiven Auseinandersetzungen vor Ort und in den Medien passiert es schließlich: Der Bayerische Landtag beschloss 1969 die Gründung des Nationalparks. Feierlich eröffnet wurde der Park 1970. Die einst strukturschwache Region wurde im Laufe der letzten Jahrzehnte zu einem hochwertigen Natur- und Erholungsgebiet mit Wildnischarakter. Heute gilt der Nationalpark als wichtiger Motor der touristischen Entwicklung im Bayerischen Wald.
Chance auf Wildnis in Deutschland
Inzwischen gibt es in Deutschland 16 Nationalparke. Wie Gert Rosenthal in seinem Buch Naturschutz durch Wildnis herausgearbeitet hat, durchlebten alle Nationalparke ähnliche Konfliktphasen, bevor sie gegründet worden. Zudem ist allen gemein, dass sie sich zur Erfolgsgeschichte entwickelten: Die gesellschaftliche Akzeptanz wächst mit den Jahren nach der Gründung und alle Nationalparke stellen in ihren jeweiligen Regionen einen Wirtschaftsfaktor dar. Und nicht zuletzt kann in den Nationalparken und auch in den weiteren Wildnisgebieten in Deutschland etwas geschaffen werden, was es ohne Prozessschutz in Deutschland nicht gäbe: die Chance auf Wildnis.
Wildnis ist ein Nischenthema

Anders als in anderen Regionen der Welt muss sich Wildnis in Deutschland erst wieder entwickeln können. Damit Wildnis entsteht, braucht es vor allem Zeit, Vertrauen in die Natur und Geduld – und all das für Jahrzehnte bis Jahrhunderte. Noch heute ist Wildnis beziehungsweise Prozessschutz selbst unter Naturschützenden ein Nischenthema, den Naturschutz in Deutschland ist zumeist ein pflegender Naturschutz, der sich für eine bestimmte Art oder einen Landschaftstyp einsetzt. Nur im Prozessschutz geht es tatsächlich darum, die Gesamtheit aller ablaufenden natürlichen Prozesse in einem bestimmten Gebiet zu schützen, indem der Mensch nicht mehr steuernd eingreift.
Gesetzlicher Naturschutz: Prozessschutz und Naturerlebnis
Anders als in den USA gibt es in Deutschland keinen Wilderness Act. Wildnis beziehungsweise die Idee des Prozessschutzes kommt im Bundesnaturschutzgesetz nur indirekt über §24 Nationalparke, Nationale Naturmonumente vor. Doch wie auch im Wilderness Act findet sich im §24 auch die Erwähnung, dass Nationalparke dem Naturerlebnis der Bevölkerung dienen soll – und das ist gelebte Praxis in allen Nationalparken und auch fast allen Wildnisgebieten, soweit es sich nicht um ehemalige Truppenübungsplätze mit Munitionsbelastung handelt.
Das Gefühl von Wildnis ermöglichen
Nationalparke sind beliebte Ausflugsziele – teils so beliebt, dass eine Steuerung der Besucherströme erforderlich ist, um einerseits die Natur vor dem Menschen zu schützen und um andererseits tatsächlich ein Naturerlebnis ermöglichen zu können. In seltenen Fällen gibt es auch Einschränkungen bei der Besucheranzahl. Ein Beispiel hierfür ist die Nationalpark Card des Nationalparks Vorpommersche Boddenlandschaft, die für Besuchende erforderlich ist, um im Herbst am Pramort den Einflug der Kraniche zu beobachten. Auch in den USA ist es üblich, dass in stark frequentierten Parks oder einzelnen Bereichen von Parks Zugangsregelungen greifen, beispielsweise auch im Yosemite National Park.
Wildnis im Spannungsfeld
Diese kurze Geschichte des Wildniskonzepts zeigt, dass von je her Spannungen rund um die Frage vorherrschten, vor wem und für wen Wildnis geschaffen und gesichert wird. Deutlich wird: Wildnis zu schaffen und zu erhalten ist in den USA und in Deutschland mit dem Ziel verbunden, Naturerleben zu ermöglichen. Im Idealfall, ein Erleben des Gefühls von Wildnis – für uns und für zukünftige Generationen.
*Das Wort vermeintlich dient hier als Hinweis darauf, dass das damalige Gebiet des Yellowstone Nationalparks zwar von weißen Siedlern unberührt war, jedoch indigene Völker schon seit 11.000 Jahren dort im Einklang mit den natürlichen Gegebenheiten lebten.
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© Daniel Rosengren