Unterwegs in der Wildnis: Auf Exkursion im Harz mit dem Nationalparkleiter
8. September 2026 / von Claudia Weigel
„Die Brombeere ist das Pflaster der Natur“, zitiert Nationalparkleiter Roland Pietsch die Försterin des Jahres 2025 Monika Runkel. Er steht dabei mit unserer Gruppe von Wildnisbegeisterten der Initiative Wildnis in Deutschland im Nationalpark Harz, oberhalb der winzigen Ortschaft Drei Annen Hohne. Links und rechts des Weges befindet sich dichtes Brombeergebüsch. Dahinter undurchdringlich wirkende Vegetation mit Büschen, jungen Birken, Ebereschen, Weiden und Pappeln. Die jungen Bäume werden überragt von den Überresten der in den Jahren 2018/2019 durch Trockenheit und Borkenkäfer abgestorbenen Fichten, die liebevoll als Silberwald bezeichnet werden, da ihre rindenlosen Stämme silbern glänzen.
Die volle Kraft der Natur
Es ist September 2026. Diese Information ist relevant, da die Natur mit einer Rasanz den Waldumbau vorantreibt, die selbst die Kenner*innen des Konzepts „Natur, Natur sein lassen“ staunen lässt. Das, was die Gruppe um Nationalparkleiter Roland Pietsch heute sieht, wird nächstes Jahr schon wieder anders aussehen. Die natürliche Dynamik der Natur ist hier mit voller Kraft am Werk.
Vom dichten Fichtenwald zu vielfältigen Waldstrukturen
So knicken die abgestorbenen Fichten des Silberwalds viel schneller als erwartet ein – teils schon nach drei bis vier Jahren, berichtet Roland Pietsch. Wo seit dem 18. Jahrhundert der durch Försters Hand entstandene dichte Fichtenwald die Landschaft dominierte – die Fichte gilt als Brotbaum der Forstwirtschaft – ist derzeit Aus- und Weitblick möglich. Trockenheit, Borkenkäfer und (nicht natürliche) Waldbrände haben vielfältigere Strukturen in verschiedenen Entwicklungsstadien geschaffen.
Weitblicke auf dem Weg zum Trudenstein
Auf für den Brandschutz gepflegten breiten Wegen läuft unsere Gruppe Richtung Trudenstein nach oben. Hier stellt sich ein Gefühl der Weite ein, man schaut auf ein Meer aus Weidenröschen, stachligen Brombeeren und einzeln stehende junge Bäume – im Hintergrund stets die kahlen Stämme des Silberwalds. Entlang des Weges wurde zum Schutz der Besuchenden die absterbenden Fichten abgeholzt, sodass nur einzelne Baumstümpfe aus dem Dickicht herausragen.
Mini-Urwald auf dem Löwenzahnweg
An anderer Stelle – beispielsweise auf dem für Kinder angelegten Löwenzahnweg, der nah am Ort Drei Annen Hohne beginnt – ist der Bewuchs schon dichter und höher: Junge Bäume wie Birken, Ebereschen, Weiden, Pappeln und vereinzelte Fichten überragen hier uns Menschen und vermitteln ein Gefühl von dichtem Urwald. Allein innerhalb weniger Stunden Wanderung oberhalb der Ortschaft Drei Annen Hohne, die am östlichsten Zipfel des Nationalparks liegt, ist es also möglich, verschiedene Stadien in der Entwicklung des Waldes zu erleben.
Das Reich der Fichte am Hohnekamm
Wieder zurück weiter oben, kurz unterhalb des Hohnekamms – ein Bergkamm auf rund 900 Höhenmetern – ist das natürliche Reich der Fichte. Hier wächst sie aufgrund der Höhenlage über 800 Höhenmeter ohne Eingreifen des Menschen. Zusammen mit den bizarren Felsformationen des Hohnekamms, die durch die sogenannte Wollsackverwitterung entstanden sind, und den ausgedehnten Heidelbeersträuchern fühlt es sich an, als liefen wir durch Skandinavien.
Nah an der Natur auf schmalen Pfaden
Nach einem Rundblick von der Leistenklippe geht es auf schmalem Pfad wieder nach unten. Wir steigen – ganz nah am Leben – direkt durch die verwildert anmutende Vegetation mit Brombeeren, jungen Bäumen und umgestürztem Fichten-Totholz. Die Natur- und Artenkenner der Gruppe sind nun in ihrem Element. Ständig wird sich gebückt und genauer betrachtet. Hier eine Waldeidechse auf dem Fels, da eine Ackerhummel auf dem umgestürztem Totholz, oben fliegt der Tannenhäher von totem Fichtenstamm zu Fichtenstamm, da hört einer den ZilpZalp, dort liegen die Hinterlassenschaften mit Heidelbeerresten von Fuchs oder Marder und schau da – so sehen die Fraßgänge des Borkenkäfers in der Rinde aus und so die des Glanzkäfers. Ach da, da ist ja noch ein Hundertfüßler. So geht es hinab zurück auf die breiten Fahrwege und schließlich zum HohneHof, einem familienfreundlichen Naturerlebnis- und Besucherzentrum mit Café und Spielplatz.
Der Brombeerstrauch als Pflaster der Natur
So tot der Wald vor wenigen Jahren noch gesagt wurde, so lebendig bringt die Natur jetzt den Gegenbeweis: Sie belebt sich selbst und schafft Vielfalt. Neben dem Fichten-Totholz, das laut einer Studie die Vogel-Vielfalt erhöht hat, spielt auch die auf der Tour mit dem Nationalparkleiter stets präsente Brombeere eine Schlüsselrolle.
„Das Pflaster der Natur“ hat ein tiefgreifendes Wurzelsystem und einen dichten stacheligen Wuchs. Sie schützt damit vor Bodenerosion und hält gerade in diesem trockenen Gebiet das Wasser im Boden. Davon profitieren junge Bäume wie Eichen, die sich nach und nach durch das Dickicht kämpfen. Die Brombeere sorgt auch dafür, dass Rotwild nicht an die jungen Bäume herankommt. So können sie geschützt stark und mit der Zeit groß werden.
So wie es derzeit aussieht, wird hier in wenigen Jahrzehnten ein dichter Laubwald stehen. Die Weitblicke werden wieder schwinden, der Silberwald auch – manche werden das vielleicht sogar vermissen.
Eine Portion Wildnis in Ihr E-Mail-Postfach?
Abonnieren Sie den Newsletter der Initiative Wildnis in Deutschland, um mehr über Wildnis in Deutschland zu erfahren. Sie interessieren sich für Wildnis und Natürlichen Klimaschutz oder möchten mehr über Wildnisförderung erfahren? Abonnieren Sie den Newsletter der KlimaWildnisZentrale.















© Claudia Weigel