Waldwildnis als sinnvoller Baustein: Beitrag natürlicher Wälder zum Klima- und Biodiversitätsschutz
Vortrag von Dr. Peter Meyer, Leiter der Abteilung Waldnaturschutz an der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt
30. Juni 2026
Der Leiter der Abteilung Waldnaturschutz an der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt Peter Meyer stellte mit einem Vortrag die wissenschaftliche Erkenntnisse rund um Waldwildnis und natürlichen Klimaschutz vor. Er zeigte auf, dass vor allem Laubwälder, die sich ohne menschliche Eingriffe entwickeln dürfen, eine wichtige ökologische Funktion aufweisen und zugleich ein sinnvoller Baustein im natürlichen Klimaschutz sind. Er diskutierte zudem kritisch die Frage, wie groß das Potenzial von Waldwildnis tatsächlich ist. Im Folgenden werden die wichtigsten Erkenntnisse seines Vortrags zusammengefasst dargestellt. Der Vortrag fand im Rahmen einer Informationsveranstaltung für die ANK-Regionalbüros statt und wurde von der KlimaWildnisZentrale organisiert.
Was bedeutet Waldwildnis?
Unter Waldwildnis wird Prozessschutz verstanden, bei dem Wälder sich vollständig natürlich entwickeln dürfen. Das bedeutet: keine forstliche Nutzung, keine Eingriffe und auch keine naturschutzfachlichen Pflegemaßnahmen. Ziel ist es, natürliche Prozesse uneingeschränkt ablaufen zu lassen.
Peter Meyer erläuterte, dass solche Flächen in Form von Naturwaldreservaten bereits seit Jahrzehnten beobachtet werden. Sie dienen als wichtige Referenzflächen, um die Entwicklung natürlicher Wälder zu verstehen – sowohl hinsichtlich ihrer Struktur als auch ihrer Funktion als Kohlenstoffspeicher.
Hohe Bedeutung für die Biodiversität
Die Forschung zeigt klar, dass sich selbst überlassene Wälder besonders wertvoll für die Biodiversität sind. Grund dafür sind mehrere Faktoren:
- Habitat- und Strukturkontinuität: Alte Wälder entwickeln über lange Zeiträume stabile Lebensräume.
- Totholz und Habitatbäume: Diese Strukturen können sich im Gegenzug zu Wirtschaftswäldern in Waldwildnis deutlich umfassender entwickeln, sowohl was Menge als auch Qualität betrifft. Sie sind essenziell für viele Arten.
- Natürliche Störungen: Prozesse wie Windwurf oder Borkenkäferfraß dürfen stattfinden, womit vielfältige Lebensräume für spezialisierte Arten geschaffen werden.
Gerade solche „Störungen“, die im Wirtschaftswald häufig vermieden oder beseitigt werden, sind Bestandteil natürlicher Waldentwicklung und ökologisch wertvoll.
Langsame Entwicklung – große Wirkung
Peter Meyer verwies auf die zeitliche Dimension. Waldwildnis entfaltet ihre volle Wirkung erst über Jahrzehnte bis Jahrhunderte hinweg. Ähnlich wie ein gepflanzter Baum mehrere Jahrzehnte braucht, um einen gewissen Durchmesser zu erreichen, erfordert auch die Entwicklung naturnaher Wälder Geduld. Erst langfristig entstehen Strukturen, die mit Urwäldern vergleichbar sind.
Wälder und ihre Rolle im globalen Kohlenstoffkreislauf
Wälder spielen eine wichtige Rolle im globalen Kohlenstoffkreislauf. Weltweit werden etwa 54 Gigatonnen CO₂-Äquivalente pro Jahr emittiert. Studien zeigen, dass Landökosysteme (außerhalb von Städten und landwirtschaftlichen Flächen) theoretisch das Vier- bis Fünffache aufnehmen könnten (224-226 Gigatonnen Kohlenstoff). Peter Meyer formulierte einprägsam: „Da passt noch Kohlenstoff rein“.
Land als Kohlenstoffsenke: das LULUCF-Sektorziel in Deutschland
Deutschland hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2045 klimaneutral zu werden. Um dieses Ziel zu erreichen, gibt es für alle Sektoren spezifische Unterziele. Für den Wald gilt das LULUCF-Sektorziel (LULUCF steht für Landnutzung, Landnutzungsänderung und Forstwirtschaft). Bis 2045 sollen in diesem Sektor netto 40 Millionen Tonnen CO₂ pro Jahr gebunden werden. Das heißt, Land und damit Wälder sollen bis dahin kontinuierlich zunehmend als Kohlenstoffsenke dienen.
Aktuelle Entwicklungen: Vom Speicher zur Quelle
Die Realität zeigt jedoch Herausforderungen: Während Wälder bis etwa 2017 eine stabile Kohlenstoffsenke darstellten, wurden sie durch die Trockenjahre 2018 bis 2020 zeitweise zur Quelle. Insbesondere der großflächige Verlust von Fichtenbeständen durch Trockenheit und Borkenkäfer führte zu erheblichen Emissionen. Dennoch zeigt die Bundeswaldinventur 2022, dass der Wald trotz der Trockenjahr und ihrer Folgen im Zeitraum 2012–2022 insgesamt weiterhin deutlich mehr Kohlenstoff gespeichert als emittiert hat.
Was kann der deutsche Wald leisten?
Peter Meyer hob hervor, dass der Beitrag des Waldes zum Klimaschutz begrenzt ist. Nimmt man die Emissionen Deutschlands im Jahr 2024 als Grundlage, dann verfügt der deutsche Wald (ober- und unterirdisch) über ein Gesamtspeichervermögen, das etwa dem 12,5-fachen dieser Menge entspricht. Er betonte aber, dass der Beitrag des Waldes dennoch EIN sinnvolles Element der Klimaschutzmaßnahmen darstellt.
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