Strategien für biologische Vielfalt: Mehr Wildnisgebiete, Pufferzonen und konsequente Umsetzung der Naturschutzziele
Das sind Forderungen des neuen Diskussionspapiers „Schutzgebiete“ der Leopoldina
20. Oktober 2026
Wie können Schutzgebiete künftig wirksamer zum Erhalt der biologischen Vielfalt beitragen? Ein aktuelles Diskussionspapier der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina betont die zentrale Bedeutung von Schutzgebieten und hebt insbesondere Wildnisgebiete sowie den Prozessschutz als wichtige Bausteine einer zukunftsfähigen Naturschutzstrategie hervor. Konkret empfehlen sie, zehn Prozent der Wälder im öffentlichen Eigentum sowie zehn Prozent der Meeresschutzgebiete als Prozessschutzgebiete auszuweisen.
Schutzgebiete sind die Grundlage zum Erhalt der biologischen Vielfalt
Die biologische Vielfalt steht weltweit und auch in Deutschland unter Druck. Um Arten, Lebensräume und ökologische Prozesse langfristig zu erhalten, spielen Schutzgebiete nach Einschätzung der Wissenschaftler*innen des Leopoldina-Diskussionspapiers eine zentrale Rolle. Sie reichen von nachhaltig genutzten Kulturlandschaften bis hin zu Prozessschutzgebieten, in denen die Natur sich soweit wie möglich selbst überlassen bleibt.
Wildnis und Prozessschutz sind zentrale Schutzstrategien
Wildnis- und Prozessschutzgebiete nehmen im Papier eine besondere Schlüsselrolle ein: Die Wissenschaftler*innen der Leopoldina weisen darauf hin, dass es viel zu wenig Prozessschutzgebiete und Wildnis in Deutschland gibt. Sie zeigen im Papier auf, dass nur 0,6 Prozent der Landfläche Deutschlands durch Nationalparke geschützt sind. Im europäischen Vergleich sei dies unterdurchschnittlich. Zudem hat sich die internationale Gemeinschaft – mit ihr Deutschland – im Globalen Biodiversitätsrahmen von Kunming-Montreal (GBF) – dazu verpflichtet, bis 2030 mindestens 30 Prozent der Land- und Meeresfläche wirksam zu schützen.
Zehn Prozent der Wälder und Meeresschutzgebiete sollten unter Prozessschutz sein
Hierbei stellen laut den Wissenschaftler*innen der Leopoldina Wildnis- und Prozessschutzflächen eine zentrale Schutzstrategie dar. Sie empfehlen, zehn Prozent der Wälder im öffentlichen Eigentum sowie zehn Prozent der Meeresschutzgebiete als Prozessschutzgebiete auszuweisen.
Begründet wird dies mit dem besonderen Handlungsbedarf. So wird betont, dass alte und naturnahe Wälder mit einem hohen Anteil an Totholz einzigartige Lebensräume darstellen. Deren Verlust bedeute zugleich einen Verlust an Strukturen und Lebensräumen, deren Regeneration Jahrhunderte benötige (wohingegen sich Offenland-Lebensräume innerhalb weniger Jahrzehnte erholen könnten).
Meeresgebiete seien trotz der international bedeutenden einzigartigen Lebensräume (z.B. Wattenmeer) und trotz vorhandenem Schutzstatus (meist überlagernd Nationalpark, Naturschutzgebiet und UNESCO-Weltnaturerbe) unzureichend geschützt. Derzeit sei nur auf einem Prozent der Fläche keine Nutzung zugelassen. Es herrschten multiple Belastungen wie Fischerei und Nährstoffeinträge durch die Landwirtschaft.
Pufferzonen als wichtiges Instrument
Dahingehend geben die Wissenschaftler*innen der Leopoldina eine weitere wichtige Empfehlung: Um Schutzgebiete vor äußeren Einflüssen wie Pflanzenschutzmitteln oder Nährstoffeinträgen zu schützen, sollten Pufferzonen eingerichtet werden. Als positives Beispiel für eine gelungene Zonierung wird das Wildnisgebiet Königsbrücker Heide angeführt. Auf rund 5.600 Hektar darf sich die Natur weitestgehend ungesteuert entwickeln, insgesamt ist das Gebiet jedoch rund 7.000 Hektar groß – rund 20 Prozent sind also Pflegezone, die größtenteils gleichzeitig als Puffer am Rand funktioniert.
Naturschutzbelange auch außerhalb von Schutzgebieten berücksichtigen
Doch das Papier der Leopoldina weist auch darauf hin, dass Schutzgebiete allein nicht ausreichen. Die Wissenschaftler*innen schreiben, dass Naturschutzbelange auch außerhalb von Schutzgebieten („auf 100 Prozent der Fläche“) berücksichtigt werden müssen. Wichtig sei daher auch der Ansatz, für Düngemittelüberschüsse sowie die Risiken von Pflanzenschutzmitteln Lösungen auf Landes-, Bundes- und europäischer Ebene zu finden. Die derzeit auf EU-Ebene besprochene Lockerung von Zulassungsverfahren zu lasten von Umwelt und Gesundheit wird von den Wissenschaftler*innen daher als Fehlentwicklung eingestuft.
Breiter gesellschaftlicher Dialog für erfolgreichen Naturschutz
Als zentral für eine erfolgreiche Umsetzung der Naturschutzziele wird nicht zuletzt eine frühzeitige Beteiligung, transparente Verfahren und einen kontinuierlichen Dialog mit allen Betroffenen genannt. Denn häufig lösen die Ausweisung von Schutzgebieten Widerstände aus und die Schutzprojekte scheitern an Nutzungskonflikten. Schutzstrategien wie Prozessschutz und biodiversitätsreiche Kulturlandschaften werden dabei häufig gegeneinander ausgespielt. Doch die Wissenschaftler*innen der Leopoldina betonen: Dies muss nicht so sein. Beide Ansätze haben ihre fachliche Berechtigung und könnten sich durch eine räumliche Zonierung sinnvoll ergänzen.
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