Das Leben eines Baumes (* um 1525 – † um 2525)

… und sein Beitrag zu Klimaschutz und Biodiversität, lang bevor es diese Begriffe gab

von Claudia Weigel zum Tag des Baumes am 25. April 2026

Old Tjikko ist eine Gemeine Fichte in Schweden, erwachsen aus einem klonalem Wurzelsystem, dessen Alter auf 9550 Jahre geschätzt wird. Der heute vermeintlich älteste noch lebende Einzelbaum ist eine Langlebige Fichte, die in den USA steht und auf 5000 Jahre geschätzt wird. Es gibt weltweit nur wenige so alte Bäume. Auch in Deutschland werden die meisten Bäume forstwirtschaftlich genutzt und damit nur rund 120 bis 140 Jahre alt.

16. Jahrhundert: Die Geburt der Hohne-Eiche

Doch auch in Deutschland gibt es vereinzelt noch jahrhundertealte Bäume. Ein solcher Baum ist die 2025 als Nationalerbe-Baum ausgezeichnete Traubeneiche im heutigen Nationalpark Harz: die sogenannte Hohne-Eiche. Vor schätzungsweise 500 Jahren wurde sie „geboren“. 1524 bis 1526 tobte im Harz der Deutsche Bauernkrieg. Davon unbehelligt landete die Hohne-Eiche als Samen im Boden und schlug dank günstiger Bedingungen wurzeln.

Sie wuchs an einem Ort, der ausreichend Sonne, Wasser und einen nährstoffreichen Boden bot. Zudem hatte sie ausreichend Platz, um ihre Wurzeln auszustrecken. Wie alle Eichen lässt sie sich Zeit zum Wachsen. Rund 40 bis 70 cm pro Jahr – je älter sie wurde, desto langsamer ging es voran. Um sie herum versuchten die Menschen des 17. und 18. Jahrhunderts mit körperlich harter Arbeit ihr meist karges Leben zu bestreiten. Viehhaltung, Land- und Waldwirtschaft waren weit verbreitet im dünn besiedeltem Harz. Zu vermuten ist, dass die Hohne-Eiche als Schattenbaum auf einer Weide diente.

17. und 18. Jahrhundert: Wachsender Kohlenstoffspeicher

© Daniel Rosengren

Die Hohne-Eiche erreichte derweil mit ihren 100 bis 200 Jahren ihr Erwachsenenalter. Eichen werden durchschnittlich 30 bis 50 Meter hoch. Sie spenden Sauerstoff und Schatten, bieten Lebewesen wie Eichhörnchen und Vögeln Brut- und Lebensraum und sie wirken gegen den Klimawandel – ein Konzept, dass in diesem Jahrhundert weder bekannt noch relevant war. Durch ihre Photosynthese setzt die Hohne-Eiche wie alle Bäume Sauerstoff frei und bindet Kohlenstoff in ihrem Holz und ihren Wurzeln – Jahr für Jahr rund 10 bis 16 kg Kohlenstoff, ihr Leben lang. Die meisten Eichen ereilt im Erwachsenenalter jedoch der Holzeinschlag, da sie in einem bewirtschafteten Wald stehen. Sie werden zu Fußböden, Bauholz, Tischen und anderen Möbeln. Läuft es gut, wird das Holz so noch für wenige Jahrzehnte genutzt, bevor der Kohlenstoff wieder an die Atmosphäre freigegeben wird.

20. Jahrhundert: Stark bewohnt im Rentenalter

© Daniel Rosengren

Die Hohne-Eiche durfte jedoch weiter wachsen. Mit dem ersten Weltkrieg kommt sie langsam ins Rentenalter. Der zweite Weltkrieg verpasste ihr eine Brandwunde. Ein Panzer wird unter ihr abgestellt und gesprengt. Weitestgehend unbeschadet wächst die Eiche weiter, vor allem in die Breite. Über fünf Meter Durchmesser verfügt ihr Stamm heute und sie hat ein wahres Charaktergesicht. Beulen, Risse, Rindentaschen, Baumhöhlen, tote Äste, ein ausladendes Kronendach in verschiedenen Zerfallsstadien sind nicht nur imposant anzusehen, sie sind auch Lebensraum für Käfer, Insekten, Vögel, Kleinsäuger, Flechten und Moose. Dreizehn Meter ist die Hohne-Eiche im Jahr 2026 noch hoch. Wahrscheinlich hat die Eiche im Laufe ihres Lebens durch Pilze, Trockenheit und andere Wetterereignisse einzelne Äste und Teile ihrer Krone verloren. Vielleicht war sie auch stets ein wenig kleinwüchsig.

Das Jahr 2525: Wann ist ein Baum tot?

Wie es mit der Hohne-Eiche in der Zukunft weitergeht, ist Spekulation. Fest steht, ihrer Art nach, könnte sie noch doppelt so alt werden. Das zeigen ihre tausendjährigen Artgenossen, die Ivenacker-Eichen in der Mecklenburgischen Seenplatte. Da die Hohne-Eiche im Schutzgebiet Nationalpark Harz steht hat sie derzeit gute Chancen noch älter zu werden. So springen wir ins Jahr 2525, in dem sich das Leben der Hohne-Eiche langsam dem Ende zuneigen würde: In den letzten Jahrhunderten wächst sie nur noch wenig. Irgendwann stirbt sie und bleibt als Starktotholz stehen. Doch selbst nach ihrem Tod ist sie nicht leblos.

 27. Jahrhundert: Leben nach dem Tod

© Claudia Weigel

Nach dem Tod des Baumes beginnt das Leben. Es wuselt und krabbelt und fliegt. Rund 20 bis 30 Prozent aller Waldlebewesen brauchen Totholz. Viele Vogelarten, wie die Spechte, sind auf vorgeschädigtes oder Totholz angewiesen. Ihnen nach folgen die Sekundärhöhlenbrüter, die keine eigenen Höhlen bauen wie Eulen oder Meisen. Auch viele Käferarten sind direkt oder indirekt auf Totholz angewiesen. Die kleinteiligen Strukturen eines toten Baumes – die sogenannten Mikrohabitate – nutzen neben Vögeln und Insekten auch Kleinsäugetiere, Pilze, Flechte und Moose. Und nicht zuletzt ist ein toter Baum durch seine Nährstoffe die Grundlage für die neue Generation in der Natur. Rund 80 Jahre dauert es, bis eine Eiche zu 95 Prozent zersetzt ist. Solange dient sie ihrem Ökosystem als Lebensraum, Nahrungsquelle und Wasserspeicher. Erst dann ist ihr Wirken wirklich zu Ende.