Wie sinnvoll ist die Beantragung eines KlimaWildnisBotschafters wirklich?
Im Gespräch mit dem ältesten Naturschutzverband Bayerns, dem LBV
Der Landesbund für Vogel- und Naturschutz in Bayern e. V., kurz LBV, wurde 1909 gegründet und setzt sich seitdem für Natur- und Artenschutzprojekte sowie Umweltbildungsmaßnahmen für den Erhalt der Natur und Vogelwelt in Bayern ein. Insgesamt 117.000 Unterstützer*innen tragen den Verein. Seit April 2026 beschäftigt der LBV hauptamtlich zwei
KlimaWildnisBotschafter, kurz KWBs. Diese teilen sich eine Personalstelle, die mithilfe des Förderprogramms KlimaWildnis mitfinanziert wird. Doris Thurau ist ehrenamtlich für die Projektentwicklung beim LBV tätig. Hier spricht sie über den Mehrwert von KlimaWildnisBotschafter*innen für eine Naturschutzorganisation.
Frau Thurau, aus welcher Motivation heraus haben Sie sich 2025 dazu entschlossen, das Förderprogramm KlimaWildnis für die Schaffung einer Personalstelle im Bereich KlimaWildnis zu nutzen?
Der LBV verfügt über ein eigenes Referat Landschaftspflege. Im Rahmen dessen haben wir über 3.700 Hektar eigene Schutzgebietsflächen, die bayernweit von Kreisgruppen des LBV – überwiegend ehrenamtlich – betreut und, wenn nötig, gepflegt werden. Insofern bestand große Motivation aus Verbandsinteressen heraus, Flächen für eine eigendynamische Entwicklung anzukaufen und damit neue Wege zu gehen.
Welche Rolle spielte die KlimaWildnisZentrale bei Ihrer Entscheidung?
Wir haben das Förderprogramm KlimaWildnis bei einer Online-Veranstaltung der KlimaWildnisZentrale kennengelernt, anschließend haben wir dann direkt Kontakt aufgenommen. Von Anfang an wurden wir sehr gut von der KlimaWildnisZentrale beraten. Ein Mitarbeiter war sogar in unserer Landesgeschäftsstelle zu Besuch, um uns das Programm genau vorzustellen.
Seit dem 1. April hat der LBV nun eine bewilligte Personalstelle, die sich zwei Personen teilen. Welchen Mehrwert haben ihre neuen KlimaWildnisBotschafter für den LBV?
Die Landesgeschäftsstelle des LBV ist in Hilpoltstein in Mittelfranken. Unsere KWBs sind jedoch in Oberbayern und in Schwaben bei unseren Bezirks- und Regionalgeschäftsstellen angesiedelt. Damit sind sie direkt vor Ort bei den ansässigen Behörden und – ganz wichtig – Flächeneigentümer*innen sowie weiteren Stakeholdern. Hauptamtlich können sie sich ganz auf das wichtige Thema KlimaWildnis konzentrieren. Außerdem sind sie wirklich „Botschafter“ für das Wildnisthema beziehungsweise für das Thema „eigendynamische Entwicklung“, was in Bayern auch im Naturschutz noch immer zu kurz kommt.
Woran zeigt sich aus Ihrer Sicht, dass die eigendynamische Entwicklung im Naturschutz in Bayern bislang zu wenig berücksichtigt wird?
Selbst die Naturschutzgebietsverordnungen in Bayern lassen offen, was unter einer eigendynamischen Entwicklung konkret zu verstehen ist, und schaffen damit keine verlässliche fachliche Orientierung. Hier besteht also Handlungsbedarf, den die KWBs mit angehen können.
Wie genau schaffen Ihre KWBs Aufmerksamkeit für das Thema Wildnis?
Sie veranstalten beispielsweise diesen Herbst ein parlamentarisches Frühstück im Bayerischen Landtag. Im Rahmen dessen können Sie das Thema natürliche Entwicklung und Wildnis sowie die damit verbundenen Herausforderungen in allen politischen Fraktionen vorstellen. Diese Veranstaltung wird übrigens gemeinsam mit den KWBs der Stiftung Lebensräume für Mensch und Natur veranstaltet, die jeweiligen Verbandsspitzen unterstützen die Arbeit.
Wie sieht die weitere Arbeit der KWBs aus?

Beantragte Fläche © Doris Thurau
Der LBV hat bisher zwei Anträge für die Förderung von KlimaWildnisFlächen gestellt: einen Antrag für ca. 50 Hektar Naturwald mit eigendynamischer Entwicklung im Landkreis Traunstein und einen weiteren für eine Fläche in einem See im Landkreis Rosenheim. Beide Male haben wir von den KWBs profitiert, denn von der Förderstelle kommen umfangreiche „Nachforderungen“, die wir dank der KWBs schnell und fachlich qualifiziert beantworten konnten. Unschätzbar wichtig ist auch das lokale Netzwerk, das sich die KWBs schaffen, um die komplexen Themen der Förderanträge zu bewältigen. So müssen sie neben ihrer naturschutzfachlichen Kompetenz auch inhaltlich fit sein in Themen wie Jagdrecht, Wegerecht oder Georisiken.
Würden Sie anderen Institutionen empfehlen, eine KlimaWildnis-Personalstelle zu beantragen?
Unbedingt! Wie gesagt: Hauptamtliches Personal, dass sich auf das komplexe Thema KlimaWildnis über einen längeren Zeitraum konzentrieren kann, ist für jeden Verband oder Stiftung, der sich mit Naturschutzthemen beschäftigt, ein großer Gewinn. Die Flächen, die über das KlimaWildnis-Programm in eine eigendynamische Entwicklung überführt werden können, leisten einen sehr wichtigen Beitrag für viele naturschutzfachliche Ziele der Bundesregierung. Auch wenn die Antragstellung Aufwand bedeutet, die daraus resultierende Personalstelle ist das wert. Die Wirkungen, die dadurch erzielt werden können, sind für uns alle wichtig.
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