Argumente für Wildnis

Gemeinsame Position der Naturschutzverbände und -stiftungen:

BUND, Deutsche Umwelthilfe, EuroNatur, EUROPARC Deutschland, Greenpeace, Gregor Louisoder Umweltstiftung, Grüne Liga, Heinz Sielmann Stiftung, NABU, Naturstiftung DAVID, Stiftung Naturlandschaften Brandenburg, Michael Succow Stiftung, Vogelschutz-Komitee, WWF Deutschland, Zoologische Gesellschaft Frankfurt

Gute Gründe für Wildnis

Viele Argumente sprechen für Wildnis: biologische Vielfalt, unersetzliches Naturkapital, Klima- und Hochwasserschutz, Tourismus und Erholung, Bildung und Forschung, Gerechtigkeit und Verantwortung für uns, unsere Kinder und Enkel.

Mehr Wildnis – mehr Zukunft!

1. Biologische Vielfalt

Wildnis verkörpert das Potenzial der biologischen Vielfalt

Bei der Bewahrung der biologischen Vielfalt gilt es, die vorhandene Vielfalt an Arten, Lebensräumen und Genen zu erhalten und deren evolutive Entwicklung zu ermöglichen. Im Zentrum stehen die Lebensräume und die für sie jeweils typischen Arten und Lebensgemeinschaften. Ursprüngliche und weitestgehend unveränderte Wälder, Moore, Flüsse mit Auen, Küsten und Gebirge sind allerdings sehr selten geworden.

Wildnisgebiete bieten durch ihre großflächige Ausdehnung ungestörte Habitate für Arten mit großen Raumansprüchen (wie z. B. Luchs, Elch und Steinbock) sowie ein Nebeneinander verschiedener Entwicklungsstadien, das für den Fortbestand vieler Arten (wie z. B. zahlreicher spezialisierter Käferarten) nötig ist. Beispielsweise bietet der hohe Totholzanteil in der Alters- und Zerfallsphase von Wäldern einen Lebensraum für neues Leben: Nahrungsgrundlage und Nisträume z. B. für Höhlenbrüter und Substrate für die ökologisch essenziellen Zersetzer (z. B. Pilze).

In Wildnisgebieten kann Evolution ungestört von menschlichen Einflüssen ablaufen. Darin liegt die Grundlage der evolutiven Entwicklung und Anpassung der Arten.

Wildnisgebiete leisten einen Beitrag für den Biotopverbund

Der Nutzungsdruck auf die Landschaft ist hoch. Infrastrukturprojekte und die fortschreitende Intensivierung der Land- und Forstwirtschaft sowie Landschaftsnutzung insgesamt stellen eine Bedrohung für alle Biotope dar, die nicht nur insgesamt an Fläche verlieren, sondern auch voneinander isoliert werden. Die verbleibenden verinselten Habitate sind für viele Populationen zu klein, um dort dauerhaft zu bestehen, und ihre Isolation erschwert den Austausch zwischen den Gebieten. Innerhalb eines Biotopverbundes wirken große Wildnisgebiete als Kernbereiche und bieten stabile Dauerlebensräume. Tier- und Pflanzenarten können überlebensfähige Populationen entwickeln und sich von dort wieder in andere Gebiete ausbreiten.

Der Klimawandel stellt in seiner Geschwindigkeit einen neuartigen und besonderen Evolutionsdruck dar, der die Anpassung der Arten fordert, damit sie ihr Überleben in der veränderten Klimasituation sichern können. Dafür ist ein intensiver genetischer Austausch zwischen benachbarten Populationen mit barrierefreien Kontaktmöglichkeiten und ungehinderter Migration unerlässlich.

2. Klimaschutz und natürliche Anpassung der Arten

Wildnis leistet einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz und zur Anpassung der Arten unter dem Selektionsdruck des Klimawandels

Wildnisgebiete wirken als Kohlenstoffsenken durch die Fixierung des in der Atmosphäre enthaltenen Kohlenstoffdioxids dem Klimawandel entgegen. Natürliche Wälder, intakte Moore und Auen mildern zudem durch Verdunstung und Kühlung die Folgen des Klimawandels (z. B. lange Trockenheit, Extremtemperaturen) ab. Gleichzeitig ermöglichen Wildnisgebiete die Anpassung der Ökosysteme an die Auswirkungen des Klimawandels: Große und gut vernetzte nutzungsfreie Gebiete sind als Rückzugs-, Reproduktions- und Ausbreitungszentren und als Wanderkorridore für Populationen von Tieren und Pflanzen unerlässlich. Dem fortschreitenden Klimawandel werden in derzeit nicht abschätzbarem Ausmaß zahlreiche einheimische Arten mit unzulänglichem Anpassungsvermögen zum Opfer fallen (z. B. Raufußhühner und andere „Eiszeitrelikte“ und an kaltes Klima adaptierte Arten). Es wird zu erheblichen Veränderungen im bisherigen Artenspektrum kommen. Nur in hinreichend großen Gebieten werden heimische Arten ihre ökologischen Nischen erhalten können. Weitgehend frei von anthropogenen Einwirkungen können sie hier ihre Chance zur Evolution durch Anpassung an das sich wandelnde Klima und damit die künftig veränderten Umweltbedingungen und ökologischen Auswirkungen wahrnehmen.

3. Hochwasserschutz

Wildnisgebiete stellen eine optimale Synergie von Hochwasserschutz und Schutz der biologischen Vielfalt dar

Wildnisgebiete tragen zur Sicherung des Landschaftswasserhaushalts und zum Hochwasserschutz bei. Indem Wasser in den Wildnisgebieten rückgehalten wird und natürliche Überflutungsflächen verfügbar werden, können Überschwemmungen abgepuffert werden. Damit können ausgedehnte Wildnisgebiete mitunter aufwendige technische Lösungen im Hochwasserschutz erübrigen.

Durch die Nutzungsaufgabe auf land- und forstwirtschaftlichen Flächen wird auf Einnahmen durch die Bewirtschaftung verzichtet. Dieser „Ausfall“ ist in der Regel allerdings deutlich geringer als der gesellschaftliche Nutzen, der durch den Hochwasserschutz, den Schutz der biologischen Vielfalt und den Nährstoffrückhalt entsteht. Die Wiederherstellung von intakten nutzungsfreien Auenlandschaften stellt eine optimale Synergie von Hochwasserschutz und Schutz der biologischen Vielfalt dar.

4. Naturkapital

Wildnisgebiete bieten unersetzliches Naturkapital

Natürliche Ökosysteme, wie sie für Wildnis charakteristisch sind, reinigen Luft und Wasser, puffern extreme Wettersituationen, bergen Genbanken und vieles mehr. Nicht alle dieser sogenannten Ökosystemleistungen und weiteren ökologischen Funktionen sind bisher im vollen Umfang bekannt. Viele Zusammenhänge und Prozesse, die in Wildnisgebieten ablaufen, werden für uns Menschen wohl genauso rätselhaft wie unersetzlich bleiben. Allein deshalb ist es sinnvoll, möglichst naturnahe Flächen zu erhalten oder sich wieder entwickeln zu lassen.

5. Erholung & Tourismus

Besondere Eignung von Wildnisgebieten zur Naturerfahrung und Erholung für den Menschen

Wildnisgebiete stellen einen besonders großen Kontrast zu urbanen und kulturbetonten Landschaften dar und haben dadurch eine einzigartige Bedeutung als Naturerlebnisflächen. Einer deutlichen Mehrheit der Bevölkerung gefällt Natur umso besser, je wilder sie ist. Man sucht Wildnisgebiete, soweit diese zugänglich sind, im Wunsch nach Ausgleich zum Alltag und zur Erholung auf. Wildnis ist auch eine Quelle von Faszination und Spiritualität.

Wildnis hat ein hohes touristisches Potenzial

Der „naturorientierte Tourismus“ erlangt durch seine wachsende Nachfrage eine zunehmende Bedeutung innerhalb der Tourismusbranche. Ein gestiegenes Umweltbewusstsein sowie ein wachsendes Interesse der Reisenden an der Natur haben zu dieser Entwicklung beigetragen. Aufgrund ihrer Größe und ihres besonderen Potenzials für Naturerfahrung stellen Wildnisgebiete weltweit beliebte Ziele dar. Daraus resultiert ein positiver regionalökonomischer Effekt, der auch in Deutschland für Nationalparks nachgewiesen ist.

6. Bildung und Forschung

Von Wildnis können wir viel lernen

Ohne direkten menschlichen Einfluss können sowohl natürliche als auch durch den Menschen verursachte großräumige Veränderungen besser erkannt und nachvollzogen werden. Wildnisgebiete vermitteln einen wichtigen Gegensatz zu den Kulturlandschaften und können sonst fehlende Untersuchungsräume für wissenschaftliche Studien darstellen. Beispielsweise lassen sich aus Störungsereignissen Erkenntnisse zur Entwicklung von Wildtierpopulationen und zum Einfluss gebietsfremder Arten gewinnen. Mit diesem Wissen können – auch vor dem Hintergrund des Klimawandels – Konzepte zur Landwirtschaft, zur Waldbewirtschaftung, zum Hochwasserschutz und für den Naturschutz entwickelt werden.

7. Gerechtigkeit

Wildnisgebiete für internationale Gerechtigkeit

Global wird der Schutz von Wildnisgebieten z. B. in den tropischen Regenwäldern, der Taiga, in Savannen und der Antarktis eingefordert – so auch von Deutschland. Wildnis, wenn auch nur in vergleichsweise bescheidenem Maße, auch bei uns zuzulassen, ist ein Gebot der Gerechtigkeit und der internationalen Fairness gegenüber allen Mitmenschen und zugleich eine Voraussetzung für die Glaubwürdigkeit Deutschlands. Hinzu kommt, dass Deutschland eine globale Verantwortung beispielsweise für die Erhaltung der Rotbuchenwälder hat, die sich nur in Wildnisgebieten natürlich entwickeln können.

Der Anteil der bereits vorhandenen Wildnisgebiete an der Landesfläche Deutschlands ist im weltweiten und auch im europäischen Vergleich bisher sehr gering. Durch die Etablierung und den Schutz zusätzlicher Wildnisgebiete kann Deutschland, in Anbetracht seiner Möglichkeiten als eines der wirtschaftlich reichsten Länder der Welt, seiner Verantwortung für den Schutz der biologischen Vielfalt und die Umsetzung des Übereinkommens über die biologische Vielfalt (Convention on Biological Diversity – CBD) gerecht werden.

Verantwortung gegenüber nachfolgenden Generationen gerecht werden

Der Schutz von Wildnisgebieten ist der nachhaltige Ansatz, um nachfolgenden Generationen die Möglichkeit zu belassen, „natürliche Lebensgrundlagen“ erleben zu können, wie es das Grundgesetz nach Art. 20a gebietet. In Wildnisgebieten können auch kommende Generationen von der biologischen Vielfalt und den mit ihr verbundenen natürlichen Prozessen und Ökosystemleistungen lernen und profitieren.

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