Verständnis von Wildnis

Gemeinsame Position der Naturschutzverbände und -stiftungen:

BUND, Deutsche Umwelthilfe, EuroNatur, EUROPARC Deutschland, Greenpeace, Gregor Louisoder Umweltstiftung, Grüne Liga, Heinz Sielmann Stiftung, NABU, Naturstiftung DAVID, Stiftung Naturlandschaften Brandenburg, Michael Succow Stiftung, Vogelschutz-Komitee, WWF Deutschland, Zoologische Gesellschaft Frankfurt

Verständnis von Wildnis in Deutschland

Die Erhaltung und Wiederherstellung der biologischen Vielfalt Mitteleuropas bedarf insbesondere großer, zusammenhängender und unzerschnittener Flächen, auf denen eine freie Entwicklung natürlicher Prozesse greifen kann.

Leitbilder zwischen Tun und Lassen

Der klassische, erhaltende Naturschutz ist unverzichtbar, um die mitteleuropäische Kulturlandschaft mit ihren vielfältigen Lebensräumen und der zugehörigen, angepassten Artenvielfalt zu bewahren. Darüber hinaus müssen aber in Deutschland Flächen verfügbar sein, auf denen ein Konzept greift, das „Natur“ als dynamisches, sich selbstständig entwickelndes Geschehen begreift. Schutzzweck auf diesen zusätzlichen Flächen ist nicht der Erhaltungszustand einzelner Arten oder Lebensraumtypen, sondern die Entwicklung möglichst unbeeinflusster natürlicher Prozesse (Schutzzweck Wildnis).

Wildnisgebiete, wie sie in der Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt (NBS) gefordert werden, können diesen Zweck erfüllen: „Wildnisgebiete i. S. der NBS sind ausreichend große, (weitgehend) unzerschnittene, nutzungsfreie Gebiete, die dazu dienen, einen vom Menschen unbeeinflussten Ablauf natürlicher Prozesse dauerhaft zu gewährleisten.“

Abgrenzung

Hinreichend große, möglichst kompakte Wildnisgebiete mit ruhigen Kernbereichen gewährleisten durch gleichzeitiges Nebeneinander aller Entwicklungsphasen eine Dynamik mit vielen spezialisierten Tier- und Pflanzenarten sowie Ruhe und Ungestörtheit für empfindliche Arten. Die Kernzone eines Wildnisgebietes soll deshalb die von der „Wild Europe Initiative“ empfohlene Größe von 3.000 Hektar möglichst nicht unterschreiten. Lassen naturräumliche und eigentumsrechtliche Gründe dies zunächst nicht zu, sollen Wildnisgebiete eine Kernzone in einer Größe von mindestens 1.000 Hektar aufweisen, in flussbegleitenden Auwäldern, an Küsten und in Mooren mindestens 500 Hektar.

In Wildnisgebieten ist der Mensch zu Gast, doch gleichwohl willkommen, Natur zu erleben. Es gibt keine Infrastruktur, die erhalten werden muss und somit keine öffentlichen Verkehrseinrichtungen oder oberirdische oder anderweitig störende Leitungstrassen. Es gibt keine Anlagen für Energiegewinnung, Bergbau, Schifffahrt und anderweitige Landnutzung.

Ergänzend zu den großflächigen Wildnisgebieten ist auch der Schutz kleinerer Flächen und Gebiete von hoher Bedeutung. Als „Trittsteine“ erfüllen sie unersetzliche Funktionen für die Vernetzung der Wildnisgebiete und tragen so zu einem vollständigen Biotopverbund bei.

Sicherung

Wildnisgebiete sind dauerhaft und auch nach außen wirksam gesichert, sodass eine Aufhebung des Schutzzwecks ausschließlich durch den gegenteiligen Akt (actus contrarius) möglich wäre. Eine Schutzgebietsausweisung – z. B. als Naturschutzgebiet oder als Nationalpark – mit dem ausschließlichen Schutzzweck „Wildnis“ ist anzustreben.

Nutzung

Der Schutzzweck „Wildnis“ ist in der Rechtsgrundlage der Gebietsausweisung verankert. In der Kernzone wird der Schutzzweck „Wildnis“ umgesetzt. Einflüsse der umgebenden Kulturlandschaft auf die Kernzone müssen abgepuffert werden. Hierzu muss – wie auch in der IUCN Kat. 1b und der Definition der Wild Europe Initiative vorgesehen – eine Managementzone eingerichtet werden, die gleichzeitig die angrenzende Kulturlandschaft vor negativen Einflüssen schützt. Pflegemaßnahmen, die diese Pufferfunktionen erfüllen, beschränken sich auf diesen Bereich. Neben der Kernzone und ggf. einer Managementzone kann zusätzlich, falls fachlich begründete Initial-Maßnahmen notwendig sind, eine Entwicklungszone mit temporärem Management ausgewiesen werden, die spätestens nach Ablauf von zehn Jahren in die Kernzone überführt wird.

Weitere Ziele wie „Wildniserleben“ und „Wildnisbildung“ sowie Monitoring und Forschung können verfolgt werden, soweit es der Schutzzweck „Wildnis“ erlaubt. Sonstige Nutzungen sind in der Kernzone ausgeschlossen. Dies gilt auch für Jagd und Wildtiermanagement.

Mindestens 2 % der deutschen Landesfläche soll zu Wildnisgebieten werden

Herausforderung

Wir setzen uns dafür ein, dass sich die Natur bis spätestens 2020 auf mindestens zwei Prozent der Landesfläche Deutschlands nach ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten entwickeln kann und in Form großflächiger Wildnisgebiete rechtlich gesichert ist. Es bestehen bereits zahlreiche Aktivitäten der Naturschutzorganisationen, die in Form von konkreten Flächenprojekten für Wildnis oder Umweltbildung dazu beitragen, dieses Ziel zu erreichen. Folgende Netzwerke unterstützen den Prozess und erfüllen koordinierende Aufgaben:

  • die DNR-Strategiegruppe Naturschutzflächen, die sich um die Koordination der verbandsübergreifenden Arbeit zur Sicherung von Naturschutzflächen, insbesondere von Flächen des Nationalen Naturerbes, kümmert und diese um das Themenfeld Wildnis erweitert hat,
  • die Dachmarke „Nationale Naturlandschaften“, die unter anderem Wildnisgebiete und Nationalparks in ihrem Netzwerk vereint.

Damit unterstützen wir die Erreichung der Wildnisziele der Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt, die im Handlungsprogramm Naturschutz-Offensive 2020 des Bundesumweltministeriums nochmals bekräftigt wurden.

Wir streben unter anderem an, durch untereinander abgestimmte Positionen die „Wildnis“-Debatte in Deutschland voranzutreiben und zu fördern. Auf unserer gemeinsamen Website „Wildnis-in-Deutschland.de“ stellen wir Projekte und Wildnisgebiete unserer Naturschutzorganisationen gemeinsam und einheitlich vor. Wir zeigen Entscheidungsträgern und der Öffentlichkeit Möglichkeiten für neue Wildnisgebiete in Deutschland auf und ermutigen sie, mit guten Argumenten für mehr Wildnis einzutreten. Neuen Initiativen stellen wir umfangreiche Materialien für ihr Engagement zur Verfügung und bieten ihnen unsere Unterstützung an.

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